Wäldnerorgel

Neue CD zum Restaurierungsprojekt „Wäldner-Orgel im Dom zu Halle“ im Handel erhältlich!

CD „Agonia Vol. I“

 

waeldnerorgel_dom_34

In der halleschen Werkstatt Friedrich Wilhelm Wäldners und seines Sohnes August Ferdinand Wäldner wurde im Jahre 1851 deren größtes Instrument hergestellt. Mit 33 über zwei Manuale und Pedal verteilten Registern in einem eindrucksvollen Gehäuse gilt sie damit neben der weltberühmten Ladegast-Orgel im Merseburger Dom als musikgeschichtlich bedeutendste Großorgel des mittleren 19. Jahrhunderts in Sachsen-Anhalt. Die Disposition wurde nachweislich von dem damaligen Magdeburger Domorganisten August Gottfried Ritter entworfen, einem der brillantesten Orgelkomponisten und -improvisatoren seiner Zeit. Damit ist die Wäldner-Orgel ein herausragendes Zeugnis für eine Phase der Musikgeschichte, in der Orgelspiel und Orgelkomposition in Werken von Felix Mendelssohn Bartholdy, Franz Liszt, Julius Reubke, Robert Schumann und Johannes Brahms auf einen neuen Höhepunkt nach Bach emporstiegen.

Seit vielen Jahren ist die reformierte Domgemeinde bemüht, Spendengelder und Fördermittel für die geplante Restaurierung zu akquirieren. Im Jahre 2015 hat die Gemeinde schließlich eine eigene Domkantorenstelle eingerichtet und einen Orgelförderkreis zur Restaurierung der Wäldner-Orgel gegründet.

waeldnerorgel_dom_29waeldnerorgel_dom_27

Warum Restaurieren?
Während des ersten Weltkrieges wurden zunächst die wertvollen Prospektpfeifen als Material für den Krieg eingezogen. Erst nach vielen Jahren konnten die Pfeifen durch billigere Zinkpfeifen ersetzt werden. Nach dem 2. Weltkrieg dienten die riesigen 32´-Holzpfeifen als Heizmaterial im kalten Winter. Darüber hinaus wurde die Domorgel im 20. Jahrhundert dem Modegeschmack des jeweiligen Organisten angepasst. Wohl mehr als fünf verschiedene Orgelbauer waren an diesen Umbauten beteiligt. Leider hat das Instrument dadurch viel von seinem romantischen Klangbild verloren. Von den ursprünglich 33 Registern sind 21 Register ganz bzw. teilweise verloren. 1954 verursachte zudem eine abgestürzte Gewölberippe Schaden. In den letzten 40 Jahren hat die Orgel unter den wechselnden Bauzuständen des Doms und durch aktiven Holzwurmbefall deutlich gelitten.

Was ist jetzt zu tun?
Die Restaurierung der Wäldner-Orgel setzt auf der einen Seite glücklicherweise nur wenige Ausbesserungen an Spieltisch, Trakturen, Windladen und Kanalanlage im Orgelinneren voraus. Die verlorengegangene eindrucksvolle Balganlage mit ihren fünf Keilbälgen und ca. 60% des Pfeifenwerkes müssen allerdings nach historischen Vorbildern und mit Vergleichen zu anderen Wäldner-Orgeln rekonstruiert werden. Dementsprechend hoch sind die Gesamtkosten von insgesamt circa 600.000 Euro. Etwa zehntausend Arbeitsstunden sind für eine gewissenhafte und denkmalpflegegerechte Ausführung dieses Kunsthandwerkes notwendig.

waeldnerorgel_dom_01

Unterstützen Sie die Orgelrestaurierung mit einer Spende!
Auf Wunsch stellen wir Ihnen eine Spendenbescheinigung aus.

Spendenkonto:
Ev.-Ref. Domgemeinde Halle
IBAN: DE22 8005 3762 0383 0109 35 
BIC: NOLADE21HAL
Verwendungszweck: „Orgelrestaurierung“

Herausgeber:
Ev.-Ref. Domgemeinde Halle
Tel: (00 49) (0)3 45 – 202 13 79

Fax: 03 45 – 202 13 29

weitere Auskünfte/Newsletter:
Kantor Gerhard Noetzel
kantor[at]dom-halle.de

waeldnerorgel_dom_12

Zur Geschichte der Orgel
1688 richtete der „Große Kurfürst“ Friedrich Wilhelm von Brandenburg an der Schloss- und Domkirche zu Halle für Flüchtlinge aus der Pfalz den deutschen reformierten Gottesdienst ein. Nach und nach sammelte sich eine kleine reformierte Gemeinde, in der auch der junge Georg Friedrich Händel 1702/1703 als Organist an der 1667 erbauten barocken Orgel von Christian Förner spielte. Nachdem diese Orgel des Wettiner Orgelbaumeisters den Anforderungen nicht mehr genügte, beauftragte die reformierte Domkirchengemeinde in der Mitte des 19. Jahrhunderts Friedrich Wäldner aus Halle mit dem Bau einer neuen Domorgel.

Friedrich Wilhelm Wäldner (geb. 1785 in Olbersleben – gest. 1852 in Halle/S.) führte eine Orgelbauwerkstatt in Halle und besaß seit 1815 das hallesche Bürgerrecht. Er baute zahlreiche Orgeln in der näheren Umgebung Halles, die teilweise noch vorhanden sind, die Domorgel aber wurde seine größte. Für das 19. Jahrhundert sind Wäldner-Orgeln in ihrer klassischen Bauweise die bedeutendsten dieser Region neben den Orgeln Friedrich Ladegasts, die sich überwiegend im Merseburger und Weißenfelser Raum vorfinden. Sein Sohn, August Ferdinand Wäldner (1817-1905), führte die Orgelbauwerkstatt seines Vaters fort. Der Vertrag über die Domorgel, der 1847 von Vater und Sohn Wäldner unterzeichnet wurde, sah die Fertigstellung für 1849 vor. Der Abschluß der Bauarbeiten verzögerte sich infolge der Kränklichkeit des alten Wäldner, aber auch dadurch, dass 1848 einige der tüchtigsten Arbeiter zum Militärdienst eingezogen wurden. So war der Neubau erst am 14. April 1851 abgeschlossen.

August Gottfried Ritter (1811-1885), einer der erfolgreichsten Organisten seiner Zeit in Magdeburg, Merseburg und Erfurt und Komponist diverser Orgelwerke stellte die Disposition auf, die Wäldner umsetzte.

Disposition der Orgel.
HAUPTWERK.
1. Principal 16’ von engl. Zinn im Prospekt.
2. Principal 8’ von 12löthigem Zinn.
3. Viola di Gamba 8’ desgl.
4. Hohlflöte 8’ von Holz.
5. Rohrflöte 8’ von 12löthigem Zinn.
6. Gedaktquinte 5 1/3’ desgl.
7. Principal 4’ desgl.
8. Rohrflöte 4’ desgl.
9. Quinte 2 2/3’ desgl.
10. Principal 2’ desgl.
11. Mixtur 2fach aus 2’ Ton desgl.
12. Cornet 4fach desgl.
13. Trompete 8’, Körper von 12löthigem Zinn, Kehlen, Blätter und Krücken von Messing.
OBERWERK.
14. Bordun 16’ von Holz.
15. Geigen-Principal 8’ von 12löthigem Zinn.
16. Salicional 8’ desgl.
17. Gedakt 8’ desgl.
18. Flauto traverso 8’ von Tannenholz.
19. Flauto amabile 4’ desgl.
20. Geigen-Principal 4’ desgl.
21. Salicional 4’ desgl.
22. Gedakt 4’ desgl.
23. Spitzflöte 2’ desgl.
24. Scharf 4fach in 1 1/2’ desgl.
PEDAL.
25. Untersatz 32’ von Holz.
26. Principalbaß 16’ desgl.
27. Violonbaß 16’ desgl.
28. Subbaß 16’ desgl.
29. Rohrquinte 10 2/3’ desgl.
30. Gedaktbaß 8’ desgl.
31. Principalbaß 8’ von 12löthigem Zinn.
32. Principalbaß 4’ desgl.
33. Posaune 16’ desgl. durchschlagend.
NEBENZÜGE.
1. Manualcoppel.
2. Pedalcoppel.
3. Ventil zum Hauptwerk.
4. Ventil zum Oberwerk.
5. Ventil zum Pedal.
6. Calcantenklingel.

Am 22. Mai 1851 wurde die neue Orgel von Ritter einer Prüfung unterworfen mit folgendem Urteil:
„Ich muß die vom Herrn Orgelbaumeister Wäldner gebaute Orgel für ein wohlgelungenes, in einzelnen Parthien sogar für ein vorzügliches Werk erklären. Der Ton der einzelnen Stimmen ist ihrem Charakter angemessen und gleichmäßig; der Klang des vollen Werkes kräftig und glänzend, dabei der Kirche angemessen und das Einzelne zu einem Ganzen in Wahrheit vereinigend. — Die technische Arbeit macht den Eindruck des Soliden. Die innere Einrichtung zeigt von der Einsicht wie von der Geschicklichkeit des Erbauers.“
Zur Orgel gehörten fünf Bälge, die in der Bälgekammer unter der Orgelempore aufgestellt wurden. Die Orgel wurde laut einer Kgl. Verfügung von 1845 in den Kammerton der preußischen Hofkapelle gestimmt. Die durchweg traditionelle Bauweise, bestehend in mechanischer Schleiflade und mechanischem Registerwerk, gibt der – im Verhältnis zum großen Kirchenraum – bescheidenen mittelgroßen Orgel von 33 klingenden Registern einen grundsoliden und robusten Charakter, der sie wesentlich unanfällig gegenüber technischen Störungen macht. Sie weist noch keine der für das 19. Jahrhundert typischen neuen technischen Erfindungen auf, die den Orgelbau in Deutschland in der weiteren Entwicklung grundlegend und um 1910 krisenhaft veränderten.

waeldnerorgel_dom_30

Umbau der Orgel
Bis 1911, als das Register Salicional 8’ durch eine Aeoline 8’ und wahrscheinlich auch zur selben Zeit die Trompete und die Posaune durch entsprechende neue Register von dem Orgelbauer Wilhelm Rühlmann ausgewechselt wurden, blieb die Domorgel unverändert. 1917 mussten die Prospektpfeifen, wie überall sonst in Deutschland, für Kriegszwecke abgeliefert werden und wurden 1922 durch glanzlose Zinkpfeifen von Rühlmann ersetzt.
Nach 1935, einer Zeit, als die Orgelbewegung mit ihren antiromantischen Affekten vorherrschte, wurde der Ruf nach einer neuen Orgel laut. Ein umfangreicher Aktenbefund liegt darüber im Domarchiv vor. Der Zustand der Wäldner-Orgel wird als „unbeschreiblich schlecht” bezeichnet. Die Möglichkeit eines Neubaus wurde aber aus finanziellen Gründen wieder verworfen, und es wurden die Orgelbaufirmen Rühlmann, Sauer, Hammer und Kemper um Besuch gebeten und Kostenvoranschläge von ihnen für einen Umbau angefordert. Darin werden weitgehende Veränderungen unterbreitet, unter denen – für diese Zeit selbstverständlich – ein elektrischer Spieltisch nicht fehlt. Weitere Gutachten werden von damals bekannten Fachleuten angefordert. In allen Projekten geht es nicht nur um eine Umdisponierung, wie sie in jenen und den folgenden Jahren sehr verbreitet vorgenommen wurde, sondern um eine umfassende Erweiterung der Domorgel auf drei Manuale durch Zusatz eines Rückpositivs in die Emporenbrüstung. Diese weit ausgreifenden Pläne, die bei einer Realisierung den Charakter der Wäldner-Orgel gänzlich verändert hätten, werden zwar bis zum Ausbruch des Krieges 1939 weiter diskutiert, schließlich aber resigniert auf Eis gelegt bis zur Beendigung des Krieges.
1946 wurde die Angelegenheit wieder aufgegriffen, wobei aber alle kostenaufwendigen großen Projekte – als unausführbar – völlig fallengelassen wurden. Von da an bis 1956 wurden Eingriffe in die Disposition der Orgel vorgenommen mit der Absicht, dieser romantischen Orgel barocke Klangeigenschaften zu verschaffen, wie sie der Zeitgeist verlangte. Dabei wurden nicht nur originale Pfeifenreihen von Wäldner umgebaut oder entfernt und durch neue ersetzt, sondern etliche wurden zwischen Hauptwerk und Oberwerk lediglich ausgewechselt und umbenannt. Außerdem wurde der Pedalumfang erweitert, was den Einbau einer anderen Pedalklaviatur und zusätzlicher Pfeifen erforderlich machte. Weil an einen Neubau der Pedalwindladen nicht zu denken war, wurden die zusätzlichen Pfeifen auf problematische Weise zwischen die originalen Pfeifen gedrängt.
Da aber alle diese durch die Ideologie der Orgelbewegung inspirierten Umbauten, die zudem auf eine nicht handwerksgemäße, sondern auf dilettantische Art vorgenommen wurden, klanglich höchst unbefriedigend ausfielen, sollen die Veränderungen, die zum Überfluss noch 1972 mit zwei Registern fortgesetzt wurden, für die Zukunft nicht konserviert werden. Das im 20. Jahrhundert angestrebte Ideal einer Orgel, auf der man Orgelliteratur aus „allen Jahrhunderten” spielen könne, kann heute nicht mehr aufrecht erhalten bleiben. Da sich im Laufe der Zeit zudem Schäden an der Orgel durch normalen Verschleiß, Feuchtigkeit, Verschmutzung und andere Ursachen eingestellt haben, ist seit längerem ein Zustand erreicht, der die Orgel kaum noch spielbar bleiben lässt, der aber dringend einer Restaurierung bedarf.

Die Disposition der Domorgel seit 1972
HAUPTWERK
Prästant 16’
Prinzipal 8’
Gamba 8’
Rohrflöte 8’
Oktave 4’
Kleingedackt 4’
Quinte 2 2/3’
Oktave 2’
Spitzflöte 2’
Terz 1 3/5’
Buntzimbel 3fach
Mixtur 5fach
Trompete 8’
OBERWERK
Quintatön 16’
Hohlflöte 8’
Gedackt 8’
Engprinzipal 4’
Rohrflöte 4’
Holznasat 2 2/3’
Prinzipal 2’
Quinte 1 1/3’
Sifflöte 1’
Scharff 4fach
Krummhorn 8’
PEDAL
Prinzipalbaß 16’
Subbaß 16’
Oktavbaß 8’
Gedacktbaß 8’
Choralbaß 4’
Baßflöte 2’
Hintersatz 4fach
Posaune 16’
Rankett 16’

Die Nebenzüge blieben in ihren Funktionen unverändert. Ein zusätzlich eingebauter Tremulant für das Oberwerk hat offenbar noch nie funktioniert. Die ausgewechselte Pedalklaviatur verhindert, dass die Spielschranktüren vollständig geschlossen werden können. Die in die Registerzüge befestigten Schilder aus handbeschriftetem Porzellan wurden 1972 entfernt und durch Schilder aus Kunststoff ersetzt.

 

Fotos: (C) 2016 Copyright by Klaus Bentele