03.01.2026
Gedanken zur Jahreslosung 2026

Siehe, ich mache alles neu! Offb 21,5

Apokalypsen

Das Leben in Deutschland ist apokalypsengetränkt. Viele glauben, dass wir auf die Katastrophe zugehen. Gelang es Fridays for future 2019 noch, mit dem Beschwören apokalyptischer Szenarien Politikerinnen und Politiker zum Handeln zu bewegen, finden sie heute kaum noch Beachtung. Darum fordert Verena Kern auf der Website der Klimareporter mit dem Titel „Climate Endgame“, dass die errechneten Worst-Case-Szenarien mutiger dargestellt werden.

Die Zukunftsforscherin Florence Gaub sprach vor vier Tagen im dlf (Zukunftsforscherin - "Träume haben einen schützenden Effekt"; cited 2025-12-28) von der kursierenden Erzählung, 2030 werde ja der nächste Atomkrieg ausbrechen oder der erste. Das geistert überall durch die Medien. Der dahinterstehende Fakt ist: wir haben einen Nachbarn in Russland, der uns nicht wohlgesonnen ist und bei dessen Strategien wir ahnen, dass es möglicherweise nicht nur für die Ukraine, sondern auch für uns und andere Länder Europas nicht gut ausgehen wird.

Die Menschen, die apokalyptische Bilder in die Welt bringen, wollen meist auf die Dringlichkeit aufmerksam machen und Menschen zum Handeln bewegen. Inzwischen sind sie aber so zahlreich und so konkret, dass sie eher wie eine Paralyse wirken. Man fühlt sich einfach nur gelähmt.

Apokalypse des Johannes

Auch das erste Jahrhundert nach Christus kannte starke apokalyptische Bilder. Im Buch der Offenbarung ist davon zu lesen. Ihr Verfasser Johannes lebt auf der 34 km2 großen griechischen Insel Patmos in der südlichen Ägäis in der Verbannung.

Johannes beginnt seine Schilderungen mit einem Blick in den himmlischen Thronsaal (4,1-5,14) – eine Vision dessen, was die Leser erwarten dürfen. Doch dann kommen die Horrorszenarien: zuerst das Buch mit sieben Siegeln (6,1-8,1), die geöffnet werden bevor der Weltuntergang kommt, dann sieben Posaunen (8,2-11,19), die das Gericht Gottes über die Erde ankündigen, schließlich sieben Plagen: Geschwüre an Menschen, Meerwasser, Flüsse und Quellen werden zu Blut, die Sonne versengt Menschen durch  große Hitze, das Reich des Tieres wird verfinstert, der Euphrat trocknet aus, Armeen bereiten sich auf den Weltkrieg vor und das größte Erdbeben seit Menschengedenken passiert. (15,1-16,21) Die Kapitel 12 und 13 lassen die aktuelle Krise erkennen: die Konfrontation mit der römischen Macht, dargestellt im Tier aus dem Meer, das seine Macht von Satan erhält (13,1f): die Agenten des Kaiserkults vor Ort (13,11-14). Die »Hure Babylon« wird an den Pranger gestellt (17,1-19,10). Die Entscheidungsschlacht kommt aber erst dann (19,11-21). Sie wiederum bringt das tausendjährige Reich (20,1-6), an dessen Ende nochmals Gericht gehalten und die Macht des Bösen endgültig vernichtet wird (20,7-15).

Der Seher Johannes will niemanden zum Handeln bringen. Die Zeitspanne des Schreckens ist auch so ausgedehnt, dass sie alle menschlichen Handlungsspielräume übersteigt. Johannes warnt sogar davor, in diese Geschichte eingreifen zu wollen. Er will etwas anderes. Zwischen den Horrorszenarien lässt er immer wieder das Bild vom himmlischen Thronsaal aufblitzen. Er will seine Leser ermutigen. Seelsorge, nicht Aktivismus ist sein Ziel. Trost, nicht Entmutigung. Am Ende zeichnet er eines der schönsten Hoffnungsbilder, die in der Bibel zu finden sind:

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, aus dem Himmel herabsteigen, von Gott bereitet wie eine Braut, geschmückt für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme vom Thron, die sprach: siehe, die Hütte Gottes bei den Menschen. Und er wird unter ihnen wohnen und sie werden seine Völker sein, und er, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein. Und er wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Schmerz, noch Geschrei noch Mühsal wird mehr sein, denn das Erste ist vergangen.

Und der auf dem Thron sitzt, sprach: Siehe, ich mache alles neu und er sagt: Schreibe, dass diese Worte glaubhaft und wahr sind. Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das Z, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen von der Quelle des lebendigen Wassers schenken. Wer siegt, wird dies ererben und ich werde Gott für ihn sein und er wird mein Kind sein. Die Verzagten aber und die Ungläubigen und die Greuelwesen und Mörder und Missbrauchstäter, unseriöse Therapeuten, Götzendiener und alle Lügner – ihr Lohn wird im Pfuhl sein, in dem Feuer und Schwefel brennt. Das ist der zweite Tod.  

Wie im Anfang, schafft Gott neu. Wieder durch Sprache. Gott spricht und es geschieht. Siehe! Das macht uns aufmerksam auf das, was geschieht. Auf das, was läuft und nicht abgeschlossen ist (griech. Präsens).

Siehe! Ein neuer Himmel und eine neue Erde: der gesamte Kosmos in einem Licht, das keine Schatten wirft. Das neue Jerusalem kommt aus dem neuen Himmel herabgestiegen. Wie wird es aussehen? Wird es Spuren der Kulturschöpfung des vorhandenen Jerusalems aufweisen? Wird es einen Tempel geben oder die Al Aksa-Moschee? Sind die Vorstellungen, die wir uns von diesem neuen Himmel und der neuen Erde machen, anknüpfungsfähig an das, was jetzt ist, oder doch nicht?

Gott wird mitten unter ihnen wohnen – das ist eine Idee, die anknüpfungsfähig ist. Die Hütte erinnert an das Zelt der Begegnung, damals in der Wüste. Nachdem Gott sein Volk aus Ägypten herausgeführt hatte. Diesmal aber werden es alle Völker sein, die zu seinem Bund gehören. Gottes Gegenwart inmitten seines Volkes – das ist eine Idee, die anknüpfungsfähig ist – in der Vergangenheit und für die Zukunft. Und alles, was so traurig ist in dieser Welt, wird nicht mehr sein: Tod, Tränen, Mühsal.

Johannes zeichnet ein großes Licht am Ende des Tunnels. Am Ende eines sehr langen Tunnels. Seine Vision am Ende der Bibel strahlt in vielen Facetten. Ich möchte drei unterschiedliche mit Euch betrachten – eine persönliche, eine für die Kirche, eine für die Gesellschaft. Für jede habe ich die Deutung eines Dichters gefunden. Auch die möchte ich Euch zeigen. Und am Ende darauf schauen, was diese Vision im Kontext der Weihnachtstage erhellt.  

Persönlich

Den Schauspieler und Regisseur Ernst Ginsberg (1904-1964) inspirierte die Vision des Johannes so: „Bedenken wir nun, wieviel ergreifende und geheimnisvolle Sinnfülle wir in Natur und Leben wahrzunehmen vermögen und wie tief unserem Herzen und unserem Geist das Bedürfnis nach dem Sinn des Daseins und das Suchen nach diesem Sinn eingeboren ist, dann, so scheint mir, drängt sich gegenüber dem Grauen des scheinbar Sinnlosen, ja Sinnwidrigen, mit dem wir immer wieder im Leben so beängstigend konfrontiert werden, nicht nur als Demutshaltung des Glaubens, sondern auch und gerade der Vernunft die Haltung Hiobs auf, schweigend »die Hand auf den Mund« zu legen, in dem unerschütterlichen Vertrauen, daß der verborgene Gott wirklich und wahrhaftig alle Tränen abwischen und alle irdische Finsternis in himmlisches Licht verwandeln kann und verwandeln wird. Der denkende und fühlende Mensch hat nur die Wahl zwischen diesem Glauben und der restlosen Verzweiflung. Er muß sich in Freiheit und bewußt entscheiden. Ich bin überzeugt, daß selbst eine Kraft wie der Kommunismus, soweit er seine pseudoreligiöse Macht aus den Ideen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bezog, ohne das Christentum undenkbar gewesen wäre. Denn wie könnte Brüderlichkeit sich stärker begründen, als in der Existenz eines gemeinsamen Vaters und in der Liebe Christi?“ (Ernst Ginsberg: Abschied. Erinnerungen, S. 19. Aus: Spuren des Wortes 2, 523f.)

Sehnsucht setzt in Bewegung. Sie ist getrieben vom Motiv der Schönheit. Dass bloß der Mund das Grauen nicht immer wieder reproduziert. Lieber die Hand drauf halten. Und schauen, wo der verborgene Gott wirklich und wahrhaftig alle Tränen abwischen und alle irdische Finsternis in himmlisches Licht verwandeln kann und verwandeln wird.

Luxus für alle statt Abschottung für alle. Verbundenheit statt Sich-Zurückziehen. Begegnung von Angesicht zu Angesicht. Die Vision ist so vollmundig, dass sie zu entfleuchen droht, wenn man sie fassen möchte. Aber vielleicht verändert sie schon etwas, wenn wir uns einen Moment an ihr berauschen.

Kirchlich

Johannes zeigt uns in seiner Vision ein Bild der Gemeinschaft mit Gott, wie es größer kaum gedacht werden kann. Sie entsteht aus dem Himmel heraus. Da ist nichts verborgen. Nichts verheimlicht. Betrug und Missbrauch kann es nicht mehr geben. Was immer geschieht, ist von größtmöglicher Transparenz (Klaus Wengst).

Novalis schrieb im Jahr 1799 in seinem Text Die Christenheit oder Europa: „Die Christenheit muß wieder lebendig und wirksam werden, und sich wieder eine sichtbare Kirche ohne Rücksicht auf Landesgrenzen bilden, die alle nach dem Überirdischen durstige Seelen in ihren Schoß aufnimmt und gern Vermittlerin der alten und neuen Welt wird. Sie muß das alte Füllhorn des Segens wieder über die Völker ausgießen. Aus dem heiligen Schoße eines ehrwürdigen europäischen Konziliums die Christenheit aufstehn, und das Geschäft der Religionserweckung nach einem allumfassenden, göttlichen Plane betrieben werden. Keiner wird dann mehr protestieren gegen christlichen und weltlichen Zwang, denn das Wesen der Kirche wird echte Freiheit sein, und alle nötigen Reformen werden unter der Leitung derselben als friedliche und förmliche Staatsprozesse betrieben werden.

Wann und wann eher? danach ist nicht zu fragen. Nur Geduld, sie wird, sie muß kommen die heilige Zeit des ewigen Friedens, wo das neue Jerusalem die Hauptstadt der Welt sein wird; und bis dahin seid heiter und mutig in den Gefahren der Zeit, Genossen meines Glaubens, verkündigt mit Wort und Tat das göttliche Evangelium, und bleibt dem wahrhaften, unendlichen Glauben treu bis in den Tod.“ (Werke und Briefe S. 408. Aus: Spuren des Wortes 2, 517f.)

Heute sind die Abbrüche in unserer Kirche so groß wie noch nie. Realistischerweise müssen wir uns fragen, wie lange es unsere Gemeinden noch geben wird. Unsere Transformationsprozesse sind Versuche, uns an das anzupassen, was geschieht. Vermutlich haben sie mit dem radikal neuen Handeln Gottes, von dem Johannes spricht, nichts zu tun. Oder doch? „Es ist geschehen …“ lässt der Seher schreiben. Es wird geschehen. Einst. Gestern und morgen. Die Vision, wie Novalis sie entfaltet, möge uns weiter vor Augen stehen und Mut machen. Auch wenn sie völlig gegen den Augenschein ist. Die Christenheit wird anders werden. Im neuen Jerusalem braucht es weder Tempel noch Priester. Es gibt keine Engel mehr, keinen göttlichen Hofstaat. Alle, die dienen, herrschen auch. Damals ein Gegenbild zu römischer Macht, heute ein Gegenbild zu allen Bevormundungsstrategien unserer Zeit. Folgt der Vision – und solange es noch andere Kräfte gibt, bleibt heiter und mutig, schrieb Novalis.

Gesellschaftlich

Religion und Gesellschaft, Kirche und Politik – das sind spannungsreiche Konstellationen. Die einen sagen, dass Religion in der Politik nichts zu suchen habe, andere z. B. die Reformierten meinen, dass die Königsherrschaft Christi alle Bereiche des Lebens durchdringen muss.

Für den Dichter Christian Morgenstern (1871-1914) war die Vision am Ende der Bibel am Vorabend des 1. WK ein wichtiger Impuls, seine eigene Meinung zu sagen und das eigene Befremden zu äußern: „Man dient seinem Volke auf mancherlei Weise und nicht am schlechtesten, indem man seinem politischen Leben in toto widerspricht. Das will nicht sagen, man glaubt, es könne anders sein, ja nicht einmal immer: es soll anders sein, als es ist. Geschichtliche Entwicklungen müssen ihren Gang gehen und ihre Zeit haben, und wer es da z. B. für sonderlich wahrscheinlich hält, soviel Kriegsmaterial zu Land, Luft und Wasser, wie gegenwärtig des Losbruches harrt, könne dem Versucher eines Tages in den Hals zurückgeworfen werden, der ahnt weder, wie die Linke noch wie die Rechte Gottes arbeitet. Er wird mit seinem frommen Wunsch ebenso eine Ohnmacht sein, wie der wandellose Wunsch und Glaube des Frommen, daß die Menschheit eine Gemeinde des Christus werde, eine Macht ist, die zwar bekämpft, aber nie gebrochen werden kann und die im himmlischen Jerusalem, wie es der Apokalyptiker nennt, das Endziel ihrer Polis weiß. Nicht also um fromme Wünsche handelt es sich, wenn einer auf seinen Wahlzettel des großen Meisters Name schreibt. Sondern um Zeugnisablegung inmitten einer Welt im gewissen Sinne der Welt sich Entfremdenden, Welt-Fremder.“ (Zeitkritisches. Gesammelte Werke, 403. Aus: Spuren des Wortes 2, 522)

Morgenstern erinnert uns daran, wie wichtig es ist, dass wir unsere Rolle finden in der Welt. Den richtigen Ton, christliche Werte ins Gespräch zu bringen, unseren Glauben und gesellschaftliche Diskurse dialogisch zu entwickeln, die Welt der Bibel und unsere Welt zu unterscheiden. Beides hat sehr viel miteinander zu tun. Und manches in dieser Welt muss vor dem Hintergrund dessen, was in der Bibel als heilsam erzählt wird, befremden.

Johannes fokussiert besonders den Ruf nach Gerechtigkeit. Seine Adressaten sind in einer Welt, die von Ungerechtigkeiten gezeichnet ist. Das schafft immer Rachefantasien. Mit dem Bild vom feurigen Pfuhl nährt Johannes die Hoffnung, dass es am Ende ausgleichende Gerechtigkeit geben wird. Und anders als in anderen Texten, sortiert er nicht die Guten zur Rechten und die Bösen zur Linken. Sondern allen gilt die Einladung: „Wer Durst hat, komme. Ich will ihm geben von der Quelle des lebendigen Wassers.“

Weihnachtsepilog

Mitten in den Weihnachtstagen lesen wir die Vision des Johannes. Inmitten der Tage, von denen Nikolaus Hermann dichtete: „Heut schließt er (Christus) wieder auf die Tür zum schönen Paradeis. Der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob, Ehr und Preis!“ Auch Johannes zeichnet ein Bild des Paradieses. Vom Thron des Lammes aus werden die Paradiesströme fließen. In alle Gegenden der Welt. An ihren Ufern stehen Bäume des Lebens. Und ihre Früchte dienen als Heilung für die Völker. – Die Dystopie ist nicht das Ende, wie in vielen apokalyptischen Bildern unserer Zeit. Johannes malt ein paradiesisches Bild vollendeten Friedens. Und wer in der Lage ist, sich dies mit auszumalen, wird Mut fassen, anders in dieser Welt zu leben.