An(ge)dacht von Pfarrer J.van Wieden


„Gedanken zum Tod „ – von Pfarrer Jürgen van Wieren , St.Petrigemeinde Burg

2016-06-30


Pfarrer Jüren van Wieren

Burg, Juni 2016


Manchmal denke ich etwas schwermütig: Unser Leben ist doch irgendwie ein ständiges und beständiges Abschiednehmen.

Ja, bevor der Tod uns  endgültig holt, sterben wir unzählig viele „kleine Tode“.

Am Abend vor dem Schlafengehen überfällt es mich manchmal: Ach, schon wieder ist ein Tag vorbei – so viele Tage sind schon vorbei. Alles geht einmal vorbei.  Auch der innigste und schönste Augenblick geht vorbei. „Auch das Schöne muss sterben“, heißt es bei Schiller.

Möglichkeiten, die ich einst noch hatte – schon lange habe ich mich von diesen Möglichkeiten verabschieden müssen. Einmal werde ich gar keine Möglichkeiten mehr haben. Dann ist der Tod da.

Träume, die mir einst die Richtung gezeigt haben – schon lange sind diese Träume ausgeträumt.

Meine Kindheit, meine Jugend – unwiederbringlich liegen diese Zeiten hinter mir. Der Zeitpfeil ist unumkehrbar. Ich gehe dem Tod entgegen – der Tod kommt mir aus der Zukunft entgegen.

Menschen, die mir lieb und teuer waren – sie sind nicht mehr. Ich muß ohne sie leben und das geht manchmal ganz schwer. 

Ja, bevor mich der Tod holt, zehrt er doch schon dadurch an meinem Leben, dass er mir andere von der Seite wegstiehlt. Alle Angst ist Todesangst. Nein, da ist auch die Angst, dass mir Menschen verloren gehen, ohne die ich doch gar nicht zu leben verstehe. Einsamkeit – was ist sie anderes als die Sehnsucht nach einem Menschen, der nicht mehr erreichbar ist. Und dann geworfen auf sich:  „Bedenkt den eigenen Tod den stirbt man. Das ist wahr. Doch mit dem Tod der anderen muß man leben.“

Sehnsüchte, Träume, Wünsche – schon lange vor dem Tod muß ich so vieles zu Grabe tragen.

Nichts auf dieser Erde kann ich festhalten. Immer wieder gilt es Abschied zu nehmen. 

Der Tod kommt. Kommt immerzu. Kommt auf mich zu. Und indem er kommt, wirkt er bereits hinein in mein  Leben. Und so verändert er mich,- nicht nur äußerlich-, allein durch die Tatsache, dass er kommt. Die auf den Tod zufallende Zeit reißt mich mit sich fort.

“ Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Ja, jeder Abschied ist auch ein Aufbruch. Jeder „kleine Tod“, den wir sterben, ist auch ein Sterben in neues Leben hinein. Jede Raupe muß „sterben“, um ein Schmetterling zu werden.

„Wie jede Blüte welkt und jede Jugend „

Der Dichter Hermann Hesse hat in seinem Gedicht „Stufen“ einmal eine „abschiedliche Existenz“ beschrieben:

Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,

Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend

Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe

Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

In andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,

An keinem wie an einer Heimat hängen,

Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,

Er will uns Stuf` um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise

Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,

Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.


Ihr Pfarrer Jürgern van Wieren , Burg