17.06.2024
Ein Banksy ist es nicht

Gedanken zur Aufschrift auf der Kirchenmauer

Ab dem 19. Juli werden in Magdeburg Werke des weltbekannten, sozialkritischen Streetart-Künstlers Banksy ausgestellt. Graffiti ganz anderer Art hatte auch unsere Kirchenmauer seit Anfang Mai aufzuzeigen. Leider stammten diese nicht von Banksy, sondern von den „Nationalen Sozialisten Burg“, die eine eindeutige Botschaft hinterließen: „ 8. Mai -wir feiern nicht“. Mit anderen Worten, sie feiern das Ende des Hitler-Regimes nicht, das so viel Schrecken und Leid über das Land und in die Welt hinein gebracht hatte. Fassungslos sehe ich den Schriftzug auf der Mauer. Es ist nicht irgendeine Mauer, sondern es ist eine Kirchenmauer. Der Adressat dieser Aufschrift ist getroffen und nicht nur ich als Christin in Burg, sondern es trifft gleichzeitig alle christlichen Gemeinden. Sie sind immer auch Glieder am ganzen Leib Christi, wie es im Korintherbrief heißt: “Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit“ (1. Kor 12, 26). Die Aufschrift auf der Kirchmauer richtet sich schlussendlich auch gegen die Kerngedanken des Evangeliums selbst, nämlich die Botschaft von der bedingungslosen Gottesliebe, die jedem Menschen Würde zuschreibt. Der Mensch dessen Würde bedroht wird, wird gleichzeitig Aufgabe aller Christen in der Welt. Die Christen sind dazu angehalten, sich selbst und ihre Nächsten, ja sogar Fremde zu lieben.  Letztlich wendet sich die Aufschrift gegen das Wort Gottes selbst. Der Wochenspruch für Anfang Juni zum Sommerbeginn teilt die Erfahrung der Ablehnung. Jesus wusste schon damals, dass die Jüngerschaft, die er losschickt, um das Evangelium zu verbreiten, auch mit Abweisungen zu rechnen hat. Abweisungen, die seine Botschaft selbst treffen: „Jesus sprach: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich; wer aber mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat.“ (Lk 10,16). Dort, wo die Boten Christi herzlich aufgenommen werden, sollen sie bleiben, dort, wo sie abgelehnt werden, sollen sie den Staub der Stadt von sich putzen, weist Christus seine Jünger an. Unsere Gemeindegeschichte erzählt, dass sich hier in Burg, die ersten reformierten Christen niedergelassen haben, weil sie verfolgt worden sind und Zuflucht fanden. Unsere Kirchmauer wurde gebaut, um zu bleiben. Während ich noch fassungslos vor der Mauer stehe, sehe ich Jesus auf der Mauer sitzen. Er lächelt mir zu und sagt vertrauensvoll: „Diese Kirche und ihr Gelände haben schon einige Diktaturen erlebt, die alle nicht mehr sind. Ja, diese Mauer und was hinter ihr steckt, wird auch noch die ‚Nationalen Sozialisten Burg‘ überleben.“ Dieser Gedanke spendet mir Trost und Kraft: Gott steht zu seinen Boten, die die Nachricht in die Welt tragen und Ablehnung erfahren, auch wenn es oft nicht so aussieht, und er steht zu seinem Wort über jeden Wahltag hinaus. Deshalb können wir ganz getrost und mutig sein Wort weitersagen in unserer Umgebung, in die Jesus uns heute sendet. Wir werden nicht wie die Jünger von einem Ort zum anderen ziehen und Burg verlassen, weil wir Ablehnung erfahren haben. Wir werden aber gewiss, den Graffiti-Staub, wenn er abgeschrubbt ist, von unseren Schultern putzen.

Einen schönen erholsamen Sommer wünscht Pfarrerin U. Bischoff